{"id":45,"date":"2016-03-07T20:42:32","date_gmt":"2016-03-07T19:42:32","guid":{"rendered":"http:\/\/yury-kharchenko.com\/cms\/?page_id=45"},"modified":"2020-11-18T11:19:56","modified_gmt":"2020-11-18T10:19:56","slug":"texts","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/yury-kharchenko.com\/cms\/texts\/","title":{"rendered":"Texts"},"content":{"rendered":"<p>Micha Brumlik<br \/>\nEin Akt der Barbarei? Yury Kharchenkos Bilder von Auschwitz<br \/>\n\u201eKulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenu\u0308ber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das fri\u00dft auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmo\u0308glich ward, heute Gedichte zu schreiben. \u201c So der nach Deutschland zur\u00fcckgekehrte Theodor W. Adorno in einer 1951 ver\u00f6ffentlichten Festschrift f\u00fcr den Soziologen Leopold von Wiese. Jahre sp\u00e4ter \u2013 so schien es \u2013 widerrief Adorno: \u201eDarum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz lie\u00dfe kein Gedicht mehr sich schreiben.&#8221;\u00a0 Jahre sp\u00e4ter analysierte der Regisseur und Theaterwissenschaftler Peter Stein die Debatte um dieses Zitat. Jahre sp\u00e4ter dann, in Adornos \u201eNegativer Dialektik\u201c hiess es:<br \/>\n&#8220;Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu bru\u0308llen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz lie\u00dfe kein Gedicht mehr sich schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es du\u0308rfe, wer zufa\u0308llig entrann und rechtens ha\u0308tte umgebracht werden mu\u0308ssen.&#8221;<br \/>\nAdorno immerhin war Zeitgenosse des Grauens, was aber bringt einen jungen Maler, zwei, &#8211; nein drei Generationen sp\u00e4ter &#8211; Bilder zu malen, die alles, was Adorno mit seinem ber\u00fchmt gewordenen Diktum skandalisieren wollte, bei weitem in den Schatten stellen? Der Maler Yury Kharchenko \u2013 er geh\u00f6rt der dritten Generation von Juden nach dem Holocaust an \u2013 wurde 1986 in Moskau geboren und studierte von 2004-2008 an der D\u00fcsseldorfer Kunstakademie sowie von 2009-2011 am Seminar f\u00fcr J\u00fcdische Theologie in Berlin, dann von 2011-2012 in Potsdam, um mit einer Arbeit \u00fcber die von Jacques Derrida beeinflusste Philosophie der Kunst in Potsdam promoviert zu werden. Wir haben es also mit einem Maler zu tun, der sich der systematischen Gehalte seiner Arbeiten wohl bewusst ist. W\u00e4hrend sein Anfang der 2000er Jahre entstandener Zyklus \u201eMan and Window &#8211; Magic windows\u201c bzw. \u201eBetween two Worlds\u201c\u00a0 in verrinnenden, d\u00fcsteren Farben verschwindende Gestalten zeigt, weist das 2012 gemalte Bild \u201eDeath Fuge of Paul Celan Today\u201c eine in sich bewegte gelbe Fl\u00e4che auf, auf der die ersten Zeilen von Celans Todesfuge \u201eSchwarze Milch der Fr\u00fche\u201c in schwarzer Schrift erscheint. Bei alledem scheut Kharchenko das Fig\u00fcrliche nicht. Sei es der Kardinal Richelieu, sei es die Geburt Jesu, seien es Rabbi Akiba oder Abraham oder die Kreuzigung der S\u00e4ngerin Amy Winehouse oder Martin Luther: die Portr\u00e4ts, die Kharchenko von ber\u00fchmten Zeitgenossen \u2013 von Celan \u00fcber Kafka, Georg Simmel und Einstein bis zu Sigmund Freud und Simon Wiesenthal weisen ihn als einen Maler aus, der es um das Antlitz, ja um das j\u00fcdische Antlitz im neunzehnten und Zwanzigsten Jahrhundert \u2013 geht: Gesichter, die ebenso markant sind, wie sie denn doch \u2013 was ihre schiere K\u00f6rperlichkeit betrifft \u2013 deutliche Zeichen des Verschwimmens und Verschwindens aufweisen.\u00a0 Anders Kharchenkos j\u00fcngst entstandene Bilder zu Auschwitz, die in gewisser Weise genau das zum Thema haben, was oben anhand der Zitate\u00a0 von Adorno angesprochen wurde.<br \/>\nEs dies sind Bilder, die schon auf den ersten Blick keineswegs nur verst\u00f6ren, sondern \u2013 jedenfalls den Autor dieser Zeilen &#8211; zutiefst schockieren. \u201eArbeit macht frei\u201c war das zynische, m\u00f6rderische Motto \u00fcber der Zufahrt zu diesem Vernichtungslager \u2013 Kharchenko scheut sich nicht, diese Devise in freundlichen, gelben Farben wiederzugeben \u2013 \u00fcber Gestalten indes, die jedenfalls auf den ersten, nein auch auf den zweiten und dritten Blick unpassender nicht sein k\u00f6nnten. Es sind dies Gestalten aus der us.amerikanischen Welt der Comics und Zeichentrickfilme &#8211;\u00a0 vermenschlichte Hunde und Hasen sowie Superm\u00e4nner. So zeigt Das 2019 entstandene Bild \u201eDagobert Duck protecting his money in front of Auschwitz\u201c Walt Disneys Uncle Scrooge auf einem Geldsack sitzend, w\u00e4hrend perspektivisch versetzt am Horizont die Zufahrt zum Vernichtungslager zu sehen ist, w\u00e4hrend \u2013 um nur zwei dieser Bilder beispielhaft zu analysieren \u2013 das Bild \u201eWaiting for a Super Hero \u2013 Goofy, in front of Auschwitz Gates\u201c den etwas trotteligen Freund von Micky Maus\u00a0 fr\u00f6hlich unter dem makabren Motto \u201eJedem das Seine\u201c zeigt. Kharchenko hat weitere dieser Bilder mit Comic Gestalten wie BatMan oder Bugs Bunny vor dem Hintergrund von nationalsozialistischen Vernichtungslagern gemalt.<br \/>\nIndes: w\u00e4hrend inzwischen literaturwissenschaftlich mehr oder minder gekl\u00e4rt sind, das Figuren wie Superman oder Batman aus der Feder j\u00fcdischer Zeichner stammten, die sehr wohl noch als Zeitzeugen die Greuel der NS Herrschaft erlebten, ist dies bei den Figuren Walt Disneys keineswegs der Fall. Stand doch Walt Disney, nach allem, was bekannt ist, ohne\u00a0 dass dies je best\u00e4tigt werden konnte, lange Jahre im Ruf, antisemitisch gesonnen zu sein \u2013 was mittlerweile \u2013 wenn auch nicht endg\u00fcltig &#8211; widerlegt zu sein scheint. Doch wer sind \u201eOnkel Dagobert\u201c und \u201eGoofy\u201c? Dagobert Duck, wie ihn\u00a0 vor allem der Zeichner Carl Barks charakterisiert hat, war in seiner Jugend ein fanatischer Goldsucher, um sp\u00e4ter zum ber\u00fchmtesten Geizkragen der Comic Welt zu werden, der das Geld auch in seiner materiellen Form als Scheine und M\u00fcnzen geradezu libidin\u00f6s liebte und es genoss, es auf seiner Haut zu sp\u00fcren. Goofy hingegen erweist sich in den Comics als liebenswerter Trottel- bei Wikipedia lesen wir folgenden Eintrag:<br \/>\n\u201eGoofy\u00a0(adj. engl. f\u00fcr \u201ealbern\u201c, \u201edoof\u201c) ist eine von\u00a0Art Babbitt\u00a0(Arthur Harold Babitsky, 1907\u20131992) erdachte\u00a0Comicfigur, die einen anthropomorphen\u00a0Hund\u00a0darstellt. Goofy geh\u00f6rt, wie auch\u00a0Donald Duck, mit zu den ersten\u00a0Disneyfiguren. Er ist bald darauf zum treuen Freund von\u00a0Micky Maus geworden. Urspr\u00fcnglich hie\u00df er\u00a0Dippy Dawg\u00a0(\u201everdrehter Hund\u201c), 1939 wurde die Figur dann aber in\u00a0Goofy\u00a0umbenannt.[\u2026] Goofy ist freundlich und treu, f\u00e4llt aber eher durch seine\u00a0Naivit\u00e4t\u00a0und Tollpatschigkeit auf\u201c .<br \/>\nDer Sch\u00f6pfer dieser Gestalt, Art Babbitt, charakterisierte Goofy Jahre sp\u00e4ter so: \u201eHe Goofy was someone who never really knew how stupid he was. He thought long and carefully before he did anything, and then he did it wrong\u201d<br \/>\nEines zumindest l\u00e4sst sich sagen: sowohl der nationalsozialistische Vernichtungsantisemitismus als auch die wesentlichen Gestalten des Comic Universums der USA entstanden in denselben Jahren \u2013 den 1930er und 1940er Jahren des \u201ekurzen\u201c Zwanzigsten Jahrhunderts, das als solches von 1914 bis 1989 w\u00e4hrte. Nun ist aus der philosophischen Hermeneutik Gadamers bekannt, das sich der Sinn einer wie auch immer symbolischen \u00c4usserung \u2013 handele es sich um wissenschaftliche oder k\u00fcnstlerische Texte welcher Symbolsprache auch immer: in Worten, Bildern oder T\u00f6nen nicht auf die Intention ihrer Urheber reduzieren l\u00e4sst. Daher kann es im folgenden\u00a0 in erster Linie auch nicht darum gehen, was der Maler Yury Kharchenko seinem Publikum mitteilen wollte, sondern, darum, was auf diesen Bildern \u201eobjektiv\u201c zu sehen ist. Eine m\u00f6gliche Deutung des \u201eUncle Scrooge\u201c, des \u201eDagobert Duck\u201c Bildes wird ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen, dass auf dem Geldsack, auf dem der Enterich sitzt, das Symbol des Euro zu sehen ist, zudem, dass der klassisch anmutende Bilderrahmen durchg\u00e4ngig mit Davidsternen \u00fcbers\u00e4t ist. Deutende Assoziationen liegen nahe: dass es der Geist des Finanzkapitalismus ist, der ein angemessenes Gedenken an die Shoah verhindert, mehr noch: dass der Reichtum Europas auf dem R\u00fccken der ermordeten Juden erwirtschaftet wurde. Oder doch mindestens: dass dieser Reichtum willentlich ein angemessenes Gedenken verhindert: sitzt doch Dagobert wie ein W\u00e4chter mit einer Art Stock vor dem Zugang zum Vernichtungslager. Und Goofy? Das Motto, unter dem wir ich ebenso fr\u00f6hlich wie trottelig laufen sehen, war das Motto zwar nicht eines Vernichtungs-, wohl aber eines Konzentrationslagers, indem gleichwohl Abertausende von Menschen ermordet wurden \u2013 Buchenwald bei Weimar. \u00dcber dem gelb gemalten Lager Motto, das \u2013 hier irrt Kharchenko &#8211; nicht das Motto von Auschwitz war, ist wiederum ein Davidstern zu sehen, was der historischen Wahrheit zwar nahekommt, aber\u00a0 nicht ganz: war doch Buchenwald zun\u00e4chst vor allem ein Lager f\u00fcr politische H\u00e4ftlinge.<br \/>\nAn Kharchenkos Lagerbildern f\u00e4llt \u2013 im Unterschied zu seinen Portr\u00e4ts j\u00fcdischer Geistesgr\u00f6ssen bzw. seiner fr\u00fchen \u201eHouse Variations\u201c &#8211; auf, dass die Farbgebung eindeutiger und kr\u00e4ftiger ist, die Farben also nicht mehr verschwimmen, sondern pointiert ihren Gegenstand hervorheben. L\u00e4sst sich daraus schliessen, dass dem Maler als Autor jetzt tats\u00e4chlich alles klar ist, er also ganz und gar eindeutige Stellungnahmen zur (deutschen, evtl. europ\u00e4ischen) Erinnerungskultur abgeben will? Oder soll es \u2013 im Sinne Adornos, mutatis mutandis \u2013 um die letztlich nicht \u00fcberbr\u00fcckbare Diskrepanz zwischen jeder Form von Kultur hier und dem unaussprechlichen Grauen der Todeslager gehen?<br \/>\nKharchenko war dieses Problems durchaus bewusst, wie sein Bild zur Todesfuge Celans aus dem Jahr 2014, aber auch seine Portr\u00e4ts aus dem Jahr 2017 zeigt. Das Portr\u00e4t von 2017 tr\u00e4gt den Titel \u201eChild\u2019s Face of Paul Celan\u201c und man mag sich fragen, ob es um das Kindergesicht von Celan selbst geht, oder ob ein Kind als Autor des Portr\u00e4ts angedacht ist. Jedenfalls ist dieses Portr\u00e4t bei aller Klarheit des Ausdrucks auch wieder vom Verrinnen gezeichnet, einem Verrinnen, dem die schwarze Schrift \u2013 jawohl Schrift ! -Vergegenw\u00e4rtigung entgegensetzt. Das Wort \u201eDeutschland\u201c ist auf diesem Gem\u00e4lde in den \u2013 durchaus undeutlichen \u2013 Farben \u201eSchwarz\u201c, \u201eGelb\u201c und \u201eRot\u201c gehalten.<br \/>\nSo bleibt dem Betrachter am Ende nur die Frage, ob es sich bei diesen Bildern um einen ausdrucksstarken Kommentar zu Adornos scharf artikulierter Aporie handelt oder nicht doch um eine mutwillig herbeigef\u00fchrte Provokation \u2013 eine Provokation, die das Publikum dazu aufreizen soll, hinter den Harmlosigkeiten des popkulturellen Alltags die wesentlichen Fragen nach den Nachwirkungen des ebenso kurzen wie an Schrecklichkeit kaum zu \u00fcberbietenden 20. Jahrhunderts in Deutschland\u00a0 zu stellen. \u201eArbeit macht frei\u201c sowie \u201eJedem das Seine\u201c stehen als Schriftz\u00fcge \u00fcber den bildhaften Comicfiguren. Das ist Kharchenko als ein\u00a0 Leser Jacques Derridas nur zu bewusst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Micha Brumlik Ein Akt der Barbarei? 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