Kay Heymer, Leiter der Moderne, Museum Kunstpalast Düsseldorf, 2020

Yury Kharchenko
Neue Schritte

„Fun ist ein Stahlbad.“
Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung

In den vergangenen 15 Jahren hat der Maler Yury Kharchenko eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen, in der sein Werk stets von existentiellen Fragen und einer Haltung geprägt war, die weiter reicht als unsere immer schneller und widersprüchlicher verlaufende Gegenwart. Yury Kharchenko reflektiert seine jüdische Identität, die sowohl seine Jugend in der sich auflösenden Sowjetunion als auch sein Heranwachsen und seine künstlerische Ausbildung sowie sein Leben in Deutschland beeinflusste.

In einer Zeit zunehmenden Anitsemitismus, befeuert durch die aktuellen Krisen und den mit ihnen einhergehenden, meist rechtextremen Populismen, hat sich in den letzten Bildern Kharchenkos eine für ihn neue Deutlichkeit und Aggression Bahn gebrochen, mit der er deutlich macht, dass er nicht zurückweichen wird, dass er seine Existenz vehement und selbstbewusst behauptet. Waren seine früheren Gemälde noch überwiegend abstrakt und orientiert an der Formensprache der heroischen Generation des amerikanischen – und stark jüdisch geprägten – Abstrakten Expressionismus der Mitte des 20. Jahrhunderts oder bezogen archaisch-mythische Symbole wie das Haus als vielschichtig deutbares Zeichen für physische wie emotionale und intellektuelle Heimat, so sind viele seiner Bilder heute von einer Ikonografie geprägt, in der sich popkulturelle Ideen und Figuren mit Gewaltfantasien und eigentlich tabuisierten Verweisen auf den Holo0caust mischen. Dies ist ein riskanter Weg, der sich auch in der umfangreichen Serie von Porträts noch nicht angedeutet hatte, die Kharchenko seit gut zehn Jahren malt. Eine eindrucksvolle Reihe von Gemälden, in denen zahlreiche Davidssterne die jüdische Identität des Malers feiern (z. B. David Star, 2020, 300 x 200 cm oder das großartige Gemälde „Jews are like falling Snowflakes from 10 Million Galaxies“ vom 19. Februar 2020 ), entsteht parallel zu Bildern mit ungeheuerlichen Themen: Bugs Bunny mit einer Gespielin vor dem Tor von Auschwitz kopulierend    („Arbeit macht frei“, 2020) oder Disneys Superheld Darkwing Duck vor dem Tor der Tötungsfabrik von Auschwitz („Darkwing Duck : I am the terror that flaps in the night, I am the scourge that pecks at your nightmares. Darkwing Duck : I am the terror that flaps in the night, I am the bubble gum that sticks in your hair. Darkwing Duck : I am the terror that flaps in the night, I am the itch you cannot reach.“ 2020).

Geht das überhaupt? Es wäre ein großer Irrtum, diese Bilder als oberflächliche Provokationen abzutun, die nur dazu dienen, kurzfristige Aufmerksamkeit zu erregen – dazu ist ihr Inhalt bei allem Lärm doch viel zu komplex. Ein Impuls für den Maler ist sicher die alltägliche Situation, in der sich eine materiell übersättigte und gleichzeitig intellektuell verkommene Gesellschaft offenbar nur durch Rückgriffe auf plakative Formen der Ausgrenzung und trivialster Unterhaltung noch selbst finden kann. In Kharchenkos neuen bildern mischen sich autobiografische mit kollektiven Prägungen, und die vermeintliche Trivialität der Themen ist durch den Filter einer bewussten Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocaust durch Autoren wie Hannah Arendt, der wir die Formel von der Banalität des Bösen verdanken, bis zu Paul Celan, der mit Gedichten wie der Todesfuge das Unfassbare der bürokratisch organisierten Massenvernichtung in seiner Sprache wenn nicht darstellen, so doch mit unerbittlicher Intensität evozieren konnte. Yury Kharchenko wurde 1986 geboren und hat das Trauma des Holocaust erst aus dritter Hand erfahren. Er wuchs mit dem Wissen darum auf, gleichzeitig durchlebte er eine Kindheit, in der Superhelden wie Batman, Spiderman und die Disneyfiguren zu den alltäglichen Fantasien gehören. Zwei Generationen nach Celan gilt es nicht mehr, die Unmöglichkeit des Schreibens von Gedichten nach dem Holocaust zu widerlegen, sondern die Unmöglichkeit der tatsächlichen Existenz dieser Geschichte mit der Banalität des Alltagslebens und den Helden der heutigen Mythologien zu vereinbaren. Was für die Griechen der Antike Herakles war, ist für die Jugend des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts Spiderman – diese Behauptung lässt sich jedenfalls aus den Bildern Kharchenkos ablesen. Sein ausdrucksvoller Malstil verdeutlicht dabei jedoch, dass die Bildaussage nicht eindimensional und affirmativ beschränkt bleibt, er deckt vielmehr die Fragwürdigkeit und Ambivalenz seiner Ikonografie auf. 

Yury Kharchenko hat einige Gemälde mit Comic-Superhelden gemalt, die in ihrem altmeisterlichen Stil und auch mit ihrer teils aufwendigen Rahmung unterstreichen, dass er Malerei als Kunstform mit hohem Anspruch auffasst. Ähnlich wie der afroamerikanische Maler Kehinde Wiley die Heroen schwarzer Identität von Hip Hop Stars bis zu Präsident Obama im Stil barocker Herrscherporträts darstellte, hat Kharchenko in Gemälde wie dem Porträt des Joker ein psychologisch eindringliches Bildnis im Stil realistischer Malerei geschaffen., dessen Erscheinung an die überzeugende Darstellung dieses Supergangsters und Gegenspielers von Batman in Gotham City durch Joaquin Phoenix in Todd Phillips Film „Joker“ von 2019 erinnert. Kharchenko malte auch eine eindringliche Porträtstudie von Spiderman, indem er sich Form und Komposition von Michail Wrubels Gemälde „Der sitzende Dämon“ aus dem Jahr 1990 zunutze machte. Wrubel hatte dieses Hauptwerk des russischen Symbolismus nach dem Gedicht „Der Dämon“ von Michail Lermontov geschaffen – einem der Archetypen der Romantik in der russischen Literatur. Die Doppelbödigkeit der Romantik in Europa, die neben ihrer sentimentale-nostalgischen Grundstimmung auch den Keim von Nationalismus und Faschismus in sich trägt, macht dieses Thema für Kharchenkos Malerei zu einer perfekten Vorlage, in der er gerade diese Doppelbödigkeit unserer Selbstwahrnehmung aufs Korn nimmt.

Yury Kharchenkos Haltung als Maler engagierter Bilder wird aus heutiger Perspektive in ihrer ganzen Konsequenz deutlich. Er hat sich kontinuierlich neue inhaltliche Felder erschlossen und die Komplexität seiner Kunst beständig vertieft und bereichert.  Seine Malerei ist in technischer Hinsicht virtuos und sinnlich, das Vergnügen an seinen Bildern ist jedoch niemals von dem Umstand zu trennen, dass sie einen sehr ernsten Hintergrund haben. Dieser Hintergrund macht seine Gemälde zu notwendigen Erzeugnissen unserer Kultur, die es ebenso zu bewahren gilt wie seine Kunst. Dafür sind Aufmerksamkeit und der unbedingte Wille zum Lernen nötig.  Die Moral in der Kunst von Yury Kharchenko liegt darin, dass sie über der Moral stehen.

Kay Heymer, Gärdslösa – Düsseldorf, 8.-13. August 2020